Kleines Züchtereinmaleins

Was sind Gene? ►
Gleich und Gleich gesellt sich gern ►
Wahrscheinlich, wahrscheinlich nicht ►
Gegensätze ziehen sich an ►
Ausnahmen bestätigen die Regel ►


Uns Schlangen gibt es ja bekanntlich in den interessantesten Farben und unterschiedlichsten Körperzeichnungen. Doch unsere volle Anmut entwickelt sich nur, wenn die richtigen Elterntiere aufeinander treffen und ihrem Nachwuchs die richtigen Gene vererben. Strebst Du also ernsthaft eine Profession als Züchter an, solltest Du Dir stets der Folgen Deiner Paarungsexperimente gewahr sein. Wir Schlangen haben nämlich auch Gefühle. Damit Du also in Zukunft mit der Schlangenzucht alles richtig machst, erkläre ich Dir kurz, wie wir Schlangen überhaupt funktionieren und nach welchen Regeln sich das Aussehen unserer Kinder gestaltet.



Was sind Gene?

Eine echt interessante Frage. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff nämlich von unterschiedlichen Wissenschaftlern stets in anderer Weise genutzt. Deshalb will ich mich auf eine nicht ganz so professionelle Definition beschränken, die jedoch den Kern des Ganzen ziemlich gut trifft. Gene sollen im Folgenden also als Träger von Erbinformationen bezeichnet werden, die durch Kopie an die Nachkommen weitergegeben werden können. Dabei trägt jedes Gen jeweils nur eine bestimmte Information in sich. Schlangen besitzen somit insgesamt weit mehr als 20000 Gene. Die für den angehenden Schlangenzüchter wohl interessantesten Gene betreffen jedoch zumeist Farbe und Zeichnung der Tiere.

In jedem Gen ist die betreffende Erbinformation doppelt vorhanden. Jeweils in einem separaten Genbereich. Einen solchen Genbereich nennt man Allel. Die beiden Allele eines Genes müssen dabei jedoch nicht die selbe Information beinhalten. So kann ein Allel für eine kräftige Ausprägung der dunkelbraunen Farbzellen in der Haut sorgen, während das andere Allel für ein völliges Fehlen der gleichen Farbpigmente plädiert. Eine Schlange kann nun aber nicht stark dunkelbraun gefärbt sein und gleichzeitig keine braune Färbung besitzen. Wir müssen also unterscheiden welche Erbinformationen genetisch vorhanden sind und welche Erbinformationen an der Schlange auch tatsächlich zu sehen sind. So sprechen wir vom Genotyp, wenn wir erläutern wollen, welche Erbanlagen ein Tier mit sich bringt und vom Phänotyp, wenn wir lediglich das körperliche Erscheinungsbild der Schlange beschreiben wollen.

Weiterhin bezeichnen wir ein Gen, dass zwei identische Allele in sich trägt, als reinerbig oder homozygot. Ein Gen, dessen Allele jedoch unterschiedliche Erbinformationen aufweisen, nennt man hingegen mischerbig oder heterozygot. Nun aber genug der vielen Begrifflichkeiten. Begeben wir uns auf den Spuren von Gregor Mendel, dem Augustinermönch der in den 1860er Jahren die Vererbungslehre mit seinen Forschungen begründet und dazu 3 einfache Regeln verfasst hat. Was passiert also, wenn sich Mama und Papa ganz doll lieb haben?



Gleich und Gleich gesellt sich gern

Schauen wir uns doch mal ein gewöhnliches Schlangenpärchen an. Der Vater ist eine wildfarbene Kornnatter und homozygot für diese Erbinformation. Die Mutter ist eine „Black Albino“ (ihr fehlt das rote Farbpigment Erythrin – sie ist also anerythristisch) und dabei ebenfalls homozygot. Wie es der Vater auch anstellt, an seine Kinder kann er nur die Erbinformation für ein klassisches Aussehen weitergeben, da beide Allele die selbe Information beinhalten. Gleiches gilt für die Mutter, die nur die Allele für „Black Albino“ in sich trägt und folglich vererben kann. Vom Vater erhalten also alle Kinder stets das Wildfarben-Allel, von der Mutter nur das Black-Albino-Allel. Das bedeutet, dass alle Kinder aus dieser Verpaarung stets heterozygot sind.
 


Nun stellt sich jedoch die Frage, wie eine Kornnatter aussieht, wenn sie zum einen wildfarben (also mit roten Pigmenten) und zum anderen gleichzeitig anerythristisch (also ohne rote Farbzellen) ist. Wie sieht also der Phänotyp aus? Um diese Frage zu beantworten muss ich leider wieder zwei neue Fremdworte bringen: dominant und rezessiv. Die Erbinformation wildfarben wird dominant vererbt, während anerythristisch rezessiv ist. Das bedeutet, dass sich das Allel mit der wildfarbenen Erbinformation gegen das rezessive Black-Albino-Allel durchsetzt. Alle Kinder von homozygoten Eltern sind also im Genotyp und auch im Phänotyp gleich aussehend, in diesem Fall nämlich wildfarben.

Dies ist auch schon die erste Mendelsche Regel, die so genannte Uniformitätsregel: die Tochtergeneration (F1) zweier Elterntiere (Parentalgeneration P), die sich nur in einem Merkmal unterscheiden und jeweils homozygot für dieses Merkmal sind, sind im Genotyp und Phänotyp uniform, also gleich.



Wahrscheinlich, wahrscheinlich nicht

Verpaart man nun ein Männchen und ein Weibchen dieser gerade genannten Tochtergeneration F1, dann können Vater und Mutter – da beide heterozygot für Anerythrismus sind – entweder das Wildfarben-Allel oder das Black-Albino-Allel vererben. Welches jeweils vererbt wird ist rein zufällig und geschieht mit gleicher Wahrscheinlichkeit. Somit können 4 verschiedene Allel-Kombinationen in der nächsten Generation (Enkelgeneration F2) entstehen.
 


1 Schlangenbaby von 4 (25%) dieser F2-Generation ist homozygot für Wildfarbe, 1 von 4 (25%) ist homozygot für Black Albino. Die restlichen 2 (also 50%) sind wiederum heterozygot, wie bereits auch die F1-Generation. Im Phänotyp sind jedoch 3 von 4 (75%) Schlangen wildfarben und nur 1 von 4 (25%) ist ein echter Black Albino.

Dies beschreibt auch die zweite Mendelsche Regel, die Spaltungsregel. Werden zwei gleichartig heterozygote Individuen gekreuzt, sind deren Nachkommen untereinander nicht mehr uniform, sondern spalten sich sowohl im Genotyp als auch im Phänotyp auf. Das Verhältnis ist dabei stets 1:2:1.

Wenn Du eine solche F2-Generation verkaufen willst, weißt Du natürlich nicht, welche der Neonaten reinerbige Wildfarbene und welche davon mischerbig für Anerythrismus sind. Um das anzuzeigen kannst Du bemerken, dass Deine wildfarbenen Schlangen ja in 2 von 3 Fällen heterozygot für Black Albino sein müssen, also 66% pos. het. Black Albino (66% Möglichkeit auf heterozygot für Black Albino).



Gegensätze ziehen sich an

Betrachtet man das Ganze nun für zwei verschiedene Merkmale, kommt es zu einem interessanten Phänomen. Beide Elterntiere in der P-Generation sind reinerbig für jeweils zwei unterschiedliche Erbinformationen. In unserem Fall ist der Vater eine gestreifte, wildfarbene Kornnatter, während die Mutter ein hübsches gewöhnlich gemustertes, anerythristisches Mädchen darstellt. normale Musterung und Wildfarbe sind dominant, während Streifen und Anerythrismus rezessiv vererbt werden.

Gemäß der ersten Mendelschen Regel sind alle Nachkommen der F1-Generation mischerbig auf beide Merkmale und im Phänotyp und Genotyp uniform. Erst in der F2-Generation kommt es wieder zu reinerbigen Tieren. Darunter auch reinerbige Neukombinationen, wie zum Beispiel gestreifte Black Albinos und normal gemusterte, wildfarbene Kornnattern.
 


Die dritte und letzte Mendelsche Regel, die Unabhängigkeitsregel, sagt nun, dass bei der Vererbung zweier Merkmale bei reinerbigen Individuen und deren Nachkommen, diese Merkmale unabhängig voneinander vererbt werden und in der F2-Generation neue, reinerbige Kombinationen auftreten.

Diese Regel gilt allerdings nur dann, wenn sich die für die Merkmale verantwortlichen Gene auf verschiedenen Chromosomen befinden oder wenn sie auf dem gleichen Chromosom so weit voneinander entfernt liegen, dass sie regelmäßig getrennt voneinander vererbt werden können. Befinden sich die Gene auf dem gleichen Chromosomen nahe beieinander, so werden sie in Kopplungsgruppen vererbt.



Ausnahmen bestätigen die Regel

Nun gibt es aber nicht nur den dominant-rezessiven Erbgang, also den Erbgang bei dem ein Merkmal stets dominant ist und das andere Merkmal dahinter zurücktritt. Manchmal werden Eigenschaften auch intermediär an die Nachkommen weitergegeben. Das heißt, dass sich unterschiedliche Erbinformationen bezüglich des selben Merkmales miteinander vermischen. So wird zum Beispiel die Blütenfarbe der Mirabilis Jalapa (Wunderblume) in der F1-Generation rosa, wenn reinerbige weißblütige und rotblütige Pflanzen miteinander gekreuzt werden.

Beim kodominanten Erbgang bilden die Nachkommen der F1-Generation beide Merkmale der Elterngeneration nebeneinander aus. So wird aus der Kreuzung zwischen einem normalfarbenen Königspython und einem farbpigmentgestörten Exemplar das so genannte Granit-Muster. Dabei treten in der sonst wildfarben gezeichneten und gefärbten Schlange vereinzelte Schuppen auf, die nicht eingefärbt sind. Beide Merkmale existieren also nebeneinander.

Natürlich gibt es neben diesen beiden gängigen Erbgängen noch weitere, die jedoch zunächst einmal weniger Bedeutung haben, da sie wesentlich seltener Auftreten, wie zum Beispiel die Haploinsuffizienz (unvollständige Dominanz bei heterozygotem Genotyp) und vor Allem bei der Beschreibung verschiedener Erbkrankheiten Anwendung finden.

Wie Ihr seht ist die Genetik gar nicht so schwer. Jedoch weiß man nie genau, wie sich der Genotyp einer Schlange wirklich darstellt, also was sie für Gene ins sich trägt, bevor man nicht deren Kinder gesehen hat. Und auch das ist aufgrund der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht immer zu hundert Prozent aussagekräftig. Nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Kreuzen und treibt es nicht zu bunt. Schließlich sind wir keine Roboter sondern echt intelligente Lebewesen. Und wunderhübsch noch dazu.